wortlage

Was unsere Gene über den Charakter verraten – und was nicht

In diesem Beitrag

    Mindestens 1260 Stellen im Erbgut stehen mit Merkmalen der Persönlichkeit in Verbindung. Das klingt nach einem gewaltigen Bauplan für den Charakter. Doch eine einzelne DNA-Variante erklärt kaum, warum jemand besonders gesellig, vorsichtig oder gelassen ist. Persönlichkeit entsteht aus einem Zusammenspiel vieler kleiner genetischer Einflüsse – und der Umwelt, in der ein Mensch aufwächst und lebt.

    In der Psychologie ordnen Fachleute Persönlichkeitsunterschiede häufig anhand der sogenannten „Big Five“: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Diese fünf Dimensionen beschreiben keine festen Typen. Sie bilden vielmehr ein Spektrum, auf dem sich Menschen unterschiedlich einordnen. Wer etwa eher zurückhaltend ist, kann in vertrauter Runde trotzdem lebhaft auftreten.

    Die genetischen Hinweise verteilen sich über das gesamte Erbgut. Anders als bei manchen Erbkrankheiten gibt es für ein bestimmtes Temperament kein einzelnes entscheidendes Gen. Viele Varianten tragen jeweils nur einen kleinen Teil bei. Zusammengenommen können sie statistisch mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen – doch daraus lässt sich nicht zuverlässig ablesen, wie sich ein einzelner Mensch verhalten wird.

    Auch der Alltag mischt kräftig mit. Familie, Freundschaften, Schule, Arbeit und prägende Erlebnisse beeinflussen, wie sich Eigenschaften entwickeln und zeigen. Selbst bei Menschen mit ähnlicher genetischer Ausstattung können die Lebenswege auseinandergehen. Gene setzen also keine unveränderliche Grenze: Sie können bestimmte Neigungen wahrscheinlicher machen, schreiben aber weder Entscheidungen noch den Charakter fest.

    Die Zahl von mindestens 1260 beteiligten Genomstellen macht vor allem deutlich, wie verteilt die biologischen Einflüsse sind. Sie ist kein genetischer Steckbrief, der Persönlichkeit auf Knopfdruck enthüllt. Zwischen einer statistischen Verbindung in großen Datensätzen und einer verlässlichen Vorhersage für eine konkrete Person liegt ein weiter Weg. Die Frage, wie dominant unsere Gene sind, lässt sich deshalb nicht mit einer einfachen Prozentzahl beantworten.